Können wir uns überhaupt noch verlieben?

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‚Und, wie lange bist du denn schon auf Tinder?’

‚Hmm so alles in allem ca zweieinhalb Jahre, würde ich sagen. Mal mehr und mal weniger aktiv.’

‚Oh wow, ich bin erst seit zwei Wochen hier. Dann hattest du aber sicher auch schon viele Dates oder?’

‚Naja was heißt jetzt viel? Wie schon gesagt, ich bin mal mehr und mal weniger aktiv, treffe mal auf mehr und mal auf weniger Typen, die mich genug interessieren, um sie zu treffen und stelle meist eh nach einem Date fest, dass es für ein zweites nicht reicht. Ist das nun viel daten?’

Auf diese Frage haben die meisten Männer keine Antwort mehr. Ich selbst habe aber auch nicht wirklich eine. Was sind überhaupt viele Dates? Und wieso habe ich das Gefühl, dass es irgendwie negativ behaftet ist, wenn man als Frau eher aktiv ist, was das Dating angeht? Manchmal habe ich das Gefühl, dass ‚du triffst dich mit vielen Männern’ fast schon eine Vorstufe zu ‚du schläfst mit vielen Männern’ ist. Was ich im Übrigen auch gar nicht schlimm finde, denn ‚viel’ unterliegt hier für mich sowieso keiner allgemeinen Definition und vor allem keiner Wertung. Leider hat es aber doch oft einen negativen Beigeschmack und ich frage mich oft, wieso das so ist.

Ich selbst date also viel. Relativ. Zu was auch immer. Die erste Frage ist hier also die, warum ich das tue. Warum treffe ich immer wieder neue Männer und nicht einfach einen öfter? Die Antwort auf diese Frage ist leicht: In 90% der Fälle habe ich tatsächlich keine Lust auf ein zweites Date. Ich fand mein Gegenüber nicht interessant und/oder ansprechend genug, um ein zweites Treffen anzuvisieren und die Sache verläuft sich im Sand. Die logische Konsequenz daraus ist also, dass ich den nächsten Kerl treffe. Bei dem sich das Spiel mit großer Wahrscheinlichkeit wiederholt und so weiter und so weiter. Oft finde ich den Kerl auch okay und würde ihn nochmal treffen, aber er möchte das nicht. Auch das gibt es natürlich und auch daran ist grundsätzlich nichts schlimmes.

Mit der Zeit verfällt man hier in ein Muster und genau darum soll es heute gehen. Ich selbst habe grundsätzlich kein Problem damit, viele Männer zu daten und ich finde es lächerlich, jemanden dafür in irgendeiner Weise zu verurteilen. Es ist nur ein Date, ein unverbindliches Treffen, bei dem man sich meist über den Job, die Hobbies und die Familie unterhält. Aber auch wenn es mal nicht dabei bleiben sollte, finde ich daran nichts schlimmes. Kurzum: Daten ist für mich etwas, was irgendwie zu meinem Leben dazu gehört und ich gebe die Hoffnung auch nicht auf, dass mal jemand dabei ist, bei dem es für mehr als ein oder zwei Dates reicht. Nichts desto Trotz schleicht sich bei mir mittlerweile so langsam aber sicher ein Gedanke ein. Einer der irgendwie ziemlich unschön ist, mich aber trotzdem nicht loslässt. Was ist, wenn es das war? Wenn ich mich schlichtweg nicht mehr verlieben kann? Ich glaube, dass die meisten von uns mit dem Verlieben heutzutage und in einer Großstadt wie München ein kleines oder auch großes Problem haben. Das mag an Dating Apps wie Tinder liegen, aber auch an der grundsätzlichen Mentalität unserer Generation. Wir erwarten viel. Von uns selbst, aber auch von unserem Partner. Wir legen uns nicht so gerne fest, haben immer Angst, etwas noch Besseres zu verpassen und Jobs oder Haustiere sind für uns KO Kriterien. Früher oder später kommen die meisten von uns sozusagen zu Besinnung und auch ich dachte mir bisher immer, dass irgendwann der Kerl kommt, bei dem man sozusagen einen Schlussstrich zieht und der so toll ist, dass er es einfach ist. Das ist auch das, was einem Mama sagt. „Irgendwann kommt ein Mann um die Ecke, der dich so umhaut, dass du wieder verliebt bist, wie ein Teenager.“

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Was nun aber, wenn nicht? Ich weiß, dass das alles recht pessimistisch klingt, aber darum geht es mir eigentlich gar nicht. Ich möchte völlig ernsthaft die Frage stellen, was ist, wenn das eben nicht passiert. Was, wenn unsere Generation wirklich so abgefucked ist, dass wir es schlichtweg nicht mehr hinkriegen? Wie erwähnt, so pessimistisch, wie es klingt, soll es eigentlich gar nicht sein und ich denke auch, dass das an sich kein Weltuntergang ist. Beziehung verändern sich, das ist schon eine ganze Weile so und wir haben alle unsere liebe Not damit, uns irgendwie anzupassen und das alles mit unserer eigentlich doch recht romantischen Grundeinstellung zu vereinen.

Ich glaube ehrlich gesagt, dass es heutzutage Arbeit ist, sich zu verlieben. Man muss sich bewusst darauf einlassen und geht einfach ein hohes Risiko ein, verletzt zu werden, da es einem Sechser im Lotto gleicht, nicht nur jemanden zu finden, den man selbst toll findet, sondern der das auch noch erwidert. Es ist also anstrengend, gefährlich und man läuft Gefahr, sich das meist eh schon sehr fraglie Herz brechen zu lassen. Das ist aber etwas – und da sollten wir mal ganz ehrlich sein – das war irgendwie schon immer so und auch wenn dank unserer schönen ‚Next’- Grundeinstellung die Wahrscheinlichkeit für einen Korb mit Sicherheit gestiegen sind, wirklich neu ist uns das Ganze ja doch nicht. 

Es mag einem Kampf gegen Windmühlen und einer recht poetischen Ansicht gleichen, wenn ich jetzt sage: ‚Lasst wieder mehr zu, gebt der Liebe eine Chance!’

Also nein, deshalb sage ich so etwas jetzt lieber nicht. Ich bin auch keine hoffnungslose Romantikerin, die möchte, dass sich alle liebhaben. Ich mache mir nur ernsthaft Gedanken darüber, wie unser Dating Verhalten letztendlich die Beziehungen, die wir führen, beeinflusst und ich hoffe doch sehr, dass wir das irgendwie alles überleben und nicht völlig geschädigt in eine Beziehung gehen, wenn wir es dann doch irgendwann schaffen, eine zu finden.

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Also: Wer viel datet, macht nicht gleich irgendwas falsch und ist mit Sicherheit kein schlechter Mensch. Ich denke aber trotzdem, dass es mit Sicherheit Einfluss darauf hat, ob und wie wir uns schlussendlich verlieben.

Ich persönlich würde mir natürlich wünschen, dass es irgendwann mal klappt, ich erwarte jedoch nicht, dass es mich umhaut, wie damals mit 15. Ich denke auch nicht, dass das nötig ist. Verliebt zu sein ist etwas schönes, ich denke aber auch, dass es sich entwickelt und unser Ziel ist ja schließlich die langfristige Verliebtheit, beziehungsweise Liebe und nicht das, was wir mit 15 gefühlt haben.

Worauf ich also hinaus will: Datet, flirtet, knutscht, lasst euch nach Hause bringen, bittet den Kerl mit hinein oder lasst es und besinnt euch darauf, wer wirklich toll genug ist, um auch länger eine Rolle in eurem Leben zu spielen. Auch wenn wir es mit Sicherheit nicht leicht haben, ich weigere mich zu glauben, dass es für uns alle komplett zu spät ist.

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Kommentare

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  1. says

    Liebe Anja,

    ich liebe deine Dating-Kolumnen.
    Ich habe gerade ein bisschen gesuchtet und einiges durchgelesen (bei dem Uni-Post hast du meine volle Zustimmung!) und werde nun öfter vorbeischauen.
    Danke für die Gedankenanstöße!

    Liebe Grüße und happy Sunday!

    Andy
    http://www.keysofandy.com

  2. says

    Ein sehr schön geschriebener Text, liebe Anja. Und du sprichst mir aus der Seele! Gerade deinen allerletzten Satz sollten wir uns allen zu Herzen nehmen. Erzwingen können wir eh nichts, aber wir sollten auf jeden Fall offener sein und vielleicht doch die ein oder andere weitere Minute in einen Mensch stecken, wer weiß was daraus wird. Den großen Knall beim ersten Treffen wird es wahrscheinlich nie geben, oder in einem von 1000000 Fällen. Aber das erwarte ich auch nicht. Genauso wie sich Liebe entwickelt, so kann sich auch Verliebtheit entwickeln. Und irgendwo da draußen läuft sicherlich der Richtige rum und er kommt irgendwann um die Ecke wenn wir am wenigsten damit rechnen… (Übrigens auch die Worte meiner Mama ;))
    Hab ein schönes Wochenende meine Liebe und genieße deine Dates!
    Liebst Kathi

  3. Stefanie says

    Liebe Anja, das ist wirklich ein schöner und vor allem ehrlicher Text. Ich freue mich schon auf die nächsten Sonntage! Liebe Grüße, Steffi

  4. Laura says

    Liebe Anja, ich bin ja ein Riesenfan dieses Formats und jetzt muss ich doch auch mal meinen Senf dazugeben. Ich bin wirklich was Online-Dating und solche Dinge angeht einfach ne Nullnummer, ich habs noch nie gemacht und irgendwie kann ich mir auch nicht vorstellen mit jemandem zu schreiben und mich zu treffen, den ich vorher nicht wenigstens einmal (wenn man mal in den Öffentlichen angesprochen wird oder auf ner Party oder keine Ahnung gesehen hat) gesehen habe, völlig komische Vorstellung für mich. Aber was ich herausgefunden habe, dass bei keiner solcher Aktionen habe ich mich DIREKT in die Person total verliebt. Das kam irgendwie so mit der Zeit, wir haben uns kennengelernt, manchmal auch wenn ich dachte: neeee…., ein paar mal gesehen, manchmal zufällig, wir haben geredet (Ich muss zugeben, ich bin immer so direkt und frage nach bisschen mehr als Familie und Job und bin damit meistens zumindest auch ganz gut gefahren) und ich lerne dann irgendwie mich zu verlieben, in das was ich dann sehe und höre, das verändert sich dann. Deshalb würde ich auch ganz klar zu mehr Offenheit und mehr Chancen tendieren. Es ist absolut nicht falsch sich mit vielen Menschen zu treffen, aber man muss den Menschen auch eine Chance geben, sich in sie zu verlieben und für mich ist das immer ein Zeitfaktor (Gespräche, Erlebnisse), ganz klar. Die Menschen werden für mich wirklich immer schöner, je besser wir uns kennen. Und ich habe die romantische Vorstellung, dass eigentlich an jedem, der aufrichtig ist auch etwas ist, was super interessant und liebenswert ist. Und trotzdem gibts auch Leute, da denk ich mir ab Sekunde 1, dass das nicht funktioniert und wir müssen natürlich auch diese Leute dann streichen, keine Frage :)

    Meine Mama hat übrigens gesagt: Den Mann fürs Leben trifft man auf dem Supermarkt Parkplatz nicht auf der Party deines Lebens, also mal schauen :D

    • marcia says

      dabei stimme ich dir total zu! sowohl beim kennenlernen-müssen und nicht zack-sofort-verlieben, als auch beim Supermarkt-Parkplatz ;)

  5. Conny says

    Liebe Anja,
    du sprichst mir aus der Seele!
    Genau darüber haben meine Single-Freundinnen und ich auch schon öfters debattiert. Aber wir haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass wir uns doch eines Tages wieder richtig verlieben werden :)

    Liebe Grüße
    Conny

  6. says

    Huhu,
    ein sehr schöner Beitrag, mit dem ich mich die letzten Monate auch sehr identifizieren konnte. Ich habe mich oft gefragt, ob ich mich überhaupt noch verlieben kann. Heutzutage sind Frauen nicht mehr auf die Männer angewiesen, sondern möchten sich selbst verwirklichen. Nicht nur die Jobansprüche wachsen mit unseren Möglichkeiten, auch die Ansprüche an einen potenziellen Partner. Aber irgendwo finde ich das auch gut, solange man es mit den Ansprüchen nicht übertreibt. Aber ein Partner muss natürlich zu dir passen, und wenn dir wichtig ist, dass er z.B. liebevoll und mitfühlend ist statt emotionslos, dann ist das durchaus ein Anspruch, den man auch nicht fallen lassen sollte. Denn heutzutage haben wir einfach den Luxus, das wir uns auch alleine versorgen können und die Hemmschwelle, sich zu trennen, ist nicht mehr so groß wie früher. Ich glaube aber auch, dass Liebe und “sich verlieben” mit Arbeit verbunden ist. Ich habe seit nicht allzu langer Zeit einen Freund, von dem ich auch dachte, den gibt es nicht. Aber er kam und hat mic umgehauen, so wie es Mamas eben sagen. Aber so wie mit 15 fühlt es sich trotzdem nicht an, obwohl es einfach perfekt ist. Zeiten ändern sich. Wir verändern uns. Und in jeder Beziehung wird der Punkt kommen, an dem man auch mal an etwas arbeiten muss. Wichtig ist, dass wir uns für einen Partner entscheiden, für den wir gerne daran arbeiten und nicht sofort aufgeben. Von daher: Ansprüche sind nicht verkehrt.
    Und zum Thema viel daten: im Grunde sind es auch nur Treffen, um neue Leute kennenzulernen. Ich habe auch das Gefühl, dass es bei Frauen einen negativen Beigeschmack hat, dabei zeigt es doch nur, dass man auf der Suche ist und den richtigen noch nicht gefunden hat..

    Liebe Grüße,
    Maj-Britt

    http://www.dailymaybe.de