Über Erwartungen und gute Manieren

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‚Einen Spritz bitte.’

‚Ich nehm ein Bier, danke.’

Es ist Montag Abend und ich sitze in einer Bar. Es ist ein spontanes Tinder Date, über das ich mir im Vorfeld kaum Gedanken gemacht habe. Manchmal überkommt es mich einfach, ich bin plötzlich ungewohnt spontan und treffe ohne viel Vorlauf jemanden, mit dem ich nur ein paar Nachrichten gewechselt habe. Ob das gut ist? Um ehrlich zu sein, habe ich keine Ahnung… Es ist wahrscheinlich nicht besser oder schlechter, als tagelang zu schreiben, bevor man sich trifft, denn am Ende zähle eh der erste persönliche Eindruck.

Ich saß also diesem Kerl gegenüber, über den ich so gut wie nichts wusste und wir haben uns an sich gut unterhalten.

Während er mit dem Rücken zum Raum saß, hatte ich von meiner Bank aus einen guten Blick auf die anderen Tische und auch auf die Kasse, die sich direkt mir gegenüber befand.

‚Heute keine Kartenzahlung möglich.’,

las ich laut vor und klopfte mir im Geiste selbst auf die Schulter, dass ich schlau genug gewesen war, auf dem Hinweg noch beim Geldautomaten Halt zu machen.

Ich habe zwar mittlerweile gelernt, es anzunehmen, wenn ein Mann mich auf ein Getränk einladen möchte, gehe aber niemals davon aus und habe deshalb immer genug Geld dabei, dass ich meinen Drink im Fall der Fälle selbst zahlen kann. Womit ich jedoch nicht gerechnet hatte, war folgendes:

‚Oh Mist, ich hab mein Portmonnaie daheim vergessen.’

Auf einen ungläubigen Blick meinerseits folge ein angestrengtes Kramen seinerseits und als er mir schlussendlich drei Euro hingelegt hatte und ich den Rest übernommen habe, kam ich mir zwar irgendwie komisch vor, dachte mir aber nichts weiter dabei. Kann schließlich jedem mal passieren. Es folgte ein ‚Danke, das nächste Mal geht natürlich auf mich.’ Und wir verließen die Bar.

Zu einem nächsten Mal kam es nie, denn auf dieses Date folgte formvollendetes Ghosting, aber hey, so ist eben das Leben.

Spulen wir also ein paar Wochen vor. Ein anderer Abend, ein anderes Date, eine andere Bar, ein anderer Mann.

Wir haben uns gut unterhalten, hatten einen lustigen Abend und haben uns irgendwann gemeinsam Richtung Bar zum Zahlen aufgemacht.

‚Zusammen bitte.’, sagte er und reichte dem Barkeeper seine Karte.

‚Sorry, Kartenzahlung erst ab 25 Euro.’

Er sah mich entschuldigend an und zeigte mir sein, bis auf unzählige Karten völlig leeres Portmonnaie. Es wurde also wieder nach Kleingeld gesucht, knapp drei Euro gefunden und den Rest habe ich übernommen, was irgendwie ein ziemliches Deja vu war.

Nagut, dachte ich mir, kann ja mal passieren und Kartenzahlung erst ab 25 Euro ist tatsächlich blöd.

Wir haben uns dann verabschiedet und ich bin wieder mit einem komischen Gefühl nach hause gefahren. Als ich am nächsten Tag mit Eileen darüber gesprochen habe, meinte sie, ich hatte einfach Pech. Denn an sich kann sowas ja wirklich mal passieren und ich möchte niemandem unterstellen, dass er ohne Geld loszieht, in der Hoffnung, sich irgendwie einen Drink zu schnorren. Mache ich selbst ja auch nicht.

Ich habe also überlegt, was genau für mich an der Situation nun so komisch war. War es die Tatsache, als Frau einen Mann auf ein Getränk eingeladen zu haben? Wir sind ja schließlich alle emanzipiert und somit sollte das völlig normal sein. Irgendwie ist es das aber nicht und ich gebe zu, dass meine Vorstellungen in dem Bereich dann vielleicht doch etwas altmodisch und gar nicht mal so emanzipiert sind.

Ich mag einfach gut erzogene Männer. Männer, die sich um eine Frau kümmern, auf sie schauen und sich Mühe geben. Genau das tue ich nämlich auch. Ich komme zu jedem Date einigermaßen gestylt, gebe mir immer Mühe mit meinem Äußeren und versuche auch, beim Gespräch interessiert zu sein und Fragen zu stellen. Mir ist das wichtig. Im Gegenzug ist es mir aber eben auch irgendwie wichtig, dass ‚ein Mann ein Mann ist’ und sich wenigstens ein kleines bisschen um mich bemüht.

‚Auf andere schauen’. Das ist ein Charakterzug, der mir wirklich wahnsinnig wichtig ist. Ich persönlich kenne das von meinem Papa. Der mag zwar auch seine kleinen Fehler haben, schaut aber immer auf seine Familie und generell auf alle Menschen in seinem Umfeld, kümmert sich und würde sich bei einem Problem niemals zweimal bitten lassen. Mein Papa ist vielleicht kein klassischer Gentleman, der einem den Stuhl unter den Hintern schiebt, vermittelt einem aber immer das Gefühl, dass ihm das Wohl der Menschen, mit denen er unterwegs ist, wichtig ist.

Wenn ich also einem Kerl beim ersten Date schon so egal bin, dass er nicht mal Geld mitnimmt, ich ihm noch die Tür aufhalten muss, oder er gar ohne sich umzudrehen in die Bar vorprescht (so ebenfalls schon passiert) und kein einziges Mal guckt, ob ich ihm überhaupt hinterherkomme, dann ist das irgendwie nicht so mein Ding.

Wir reden immer davon, wie emanzipiert und stark wir sind und dass wir im Grunde gar keinen Mann brauchen, sondern auch ganz gut alleine klarkommen. Wenn daraus aber resultiert, dass bei den Männern jegliche Manieren verloren gehen, dann weiß ich um ehrlich zu sein nicht, ob ich das gut finde. Ob wir also mit schuld sind, wie sich die Männer unserer Generation entwickeln? Ich weiß es um ehrlich zu sein nicht. Im Grunde bin ich immer der Meinung dass vieles nur eine Reaktion auf etwas anderes ist und statt immer nur zu sagen ‚alle Männer sind blöd’, finde ich, dass auch wir Frauen hier mehr reflektieren und uns Gedanken darüber machen sollten, was zu gewissen Verhaltensweisen führt.

Ich fände es trotzdem schön, wenn wir uns alle wieder mehr Mühe geben würden. Nicht nur die Männer. Und ja, ich weiß, das klingt jetzt nach kleinem Mädchen, das sich die Welt gerne machen würde, wie sie ihr gefällt und in Realität ist das alles nicht so einfach. Trotzdem bin ich mir fast sicher, dass es so langsam mit uns allen zugrunde geht, wenn wir so weitermachen.

Wenn sich niemand mehr Mühe gibt, wir alle Dates nur noch abhaken und uns für niemanden mehr ernsthaft interessieren, wie sollen wir dann je ernsthaft jemanden kennenlernen? Ich mache das übrigens nicht nur an diesen zwei Situationen mit dem fehlenden Geld fest. Da war wahrscheinlich wirklich einfach Pech im Spiel; vielmehr geht es mir um eine Grundhaltung, die sowohl Frauen als auch Männer oft an den Tag zu legen scheinen. Dieses ‚scheißegal’ Denken, das gerade irgendwie angesagt ist und mich um ehrlich zu sein nur noch nervt.

Ich persönlich möchte mich da auch nicht vollkommen ausnehmen, bemühe mich jedoch eigentlich jedes Mal. Und offensichtlich sind wir jetzt so weit, dass ich meine Dates einladen muss…

Ich fände es schön, wenn mir mal wieder jemand die Tür aufhalten würde. Ich fände es auch schön, wenn der nächste Mann seinen Drink wieder selbst bezahlen würde. Nicht weil ich niemanden einladen möchte (meine Freunde wissen das, ich bin die letzte, die da rumknausert), sondern weil ich das wenn dann freiwillig tun möchte. Dazu gezwungen werden, weil der andere schlichtweg kein Geld dabeihat, ist irgendwie uncool…

Übrigens muss man fairerweise sagen, dass der zweite Mann aus diesem Artikel mir einen Tag später geschrieben hat und mich gerne zum Essen einladen wollte, da ihm das wohl doch etwas unangenehm war. Es ist also vielleicht doch noch nicht alles verloren.

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  • Endlich wieder ein sonntagstratsch ? ich hab echt sehnsüchtig gewartet. Gerade jetzt wo ich nich nach einer langen Beziehung und selbstfindungsphase ins Datingmeer begebe ist diese Eigenschaft leider auch schon häufiger allein beim schreiben schon aufgefallen. Das Gefühl dass der Mann sich nicht wirklich um eiben bemühen möchte ist mir völlig zu wider und lösst much sowohl an mir selbst als auch meinem Geschlecht, sprich anderen Frauen zweifeln. Gehen die wirklich so schnell mit fremden kerlen ins bett? Macht man das jetzt so? Und wenn meinerseits kommt dass ich so eine nich bin muss ich mich wie ein kleines Mädchen fühlen? total dämlich. Was passiert nur mit unserer Gesellschaft?

  • Leider so wahr, dein schöner Text. Ich denke, wir verlernen immer mehr in die Tiefe zu gehen bei neuen Begegnungen…
    Eines meiner besten fail Dates hat sein Getränk, und nur sein Getränk, bezahlt als ich kurz auf der Toilette war:) da war ich dann auch kurz etwas irritiert

  • Liebe Anja, ich kann nun am Sonntag Abend um 23:20 nicht einfach so ins Bett gehen, weil ich dir zu diesem Thema auch unbedingt schreiben muss! 😉 Du sprichst mir mit diesem Blogeintrag wirklich aus dem Herzen! Ich date auch schon gefühlte Ewigkeiten und bin selbst Langzeitsingle. Manchmal lösche ich Tinder weil mich alles nur noch nervt nur um es dann einige Wochen später wieder zu installieren (weil, nicht aufgeben und so ;)). Ich stelle mir auch mal mehr mal weniger häufig exakt die gleichen Fragen wie du! Ob es „den richtigen“ überhaupt noch gibt für mich, wie lange ich noch warten muss, warum man als Frau mittlerweile die eierlegende Wollmilchsau sein muss nur um gut anzukommen. Ja, und natürlich auch die Frahe warum sich Männer einfach keine Mühe mehr geben und alles egal zu sein scheint. Ich habe auch schon einen Mann gedatet der ganze 3 Monaten interessiert war nur um sich dann (als ich 1 Woche alleine im Urlaub war) still und heimlich wieder aus dem Staub zu machen …. Du siehst: alles schon erlebt. Eine Antwort auf deine Frage kann ich nicht wirklich geben, aber eine Freundin von mir (die über Tinder ihre große Liebe kennengelernt hat) sagt immer „Dating Business ist hart! Aber bleib einfach dran. Irgendwann klappt es!“ Wir dürfen also die Hoffnung nicht aufgeben 🙂 Ach und: Emanzipation hin oder her: ein Mann der nicht mal nen 10er einstecken hat für ein Wasser und nen Kaffee…. ne, so fangen meistens keine tollen Beziehungen an 😉

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